Die Macht der Bilder

Die Macht der Bilder

 

Wie viele Zufälle, Abhängigkeiten, Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Unwahrheiten zustande kommen, und auch wie viel Rummel um ein einziges Bild gemacht werden kann, versuche ich in diesem Blogeintrag zu beschreiben. Das hier gezeigte und von mir fotografierte Bild der Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist es vielleicht wert, die Entstehung und das darauf folgende Medienecho einmal aus der Sicht des Fotografen, also aus meiner persönlichen Sicht, zu beleuchten.

 

Wie also entsteht so ein Bild?

Es ist ein ganz „normaler“ Arbeitstag. Für die Nachrichtenagentur dpa fotografiere ich regelmäßig als freier Fotograf im Norden Deutschlands, insbesondere in den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein. Die Bundesregierung hat beschlossen, Hilfsflüge in den Nordirak zu organisieren, und die Bundeswehr (die diese Hilfsflüge durchführt) gestattet die Begleitung durch einen Texter und einen Fotografen der dpa. Das ist natürlich auch für mich schon ein Termin größeren Ausmaßes. Neben alltäglichen fotografischen Aufgaben ist ein Flug mit der Bundeswehr in den Nordirak schon etwas Außergewöhnliches, nichtsdestotrotz fängt der Arbeitstag wie jeder andere an. Ich muss zum Fliegerhorst im schleswig-holsteinischen Hohn/Duvenstedt und durch das übliche Prozedere eines solchen Termins: Hinfahren, warten, Einlasskontrolle am Fliegerhorst, warten, Überprüfung der Akkreditierungen und Presseausweise, warten und ein erstes Briefing der kommenden Stunden, wieder warten … alles Routine.

Die erste wichtige Information: Die Bundesverteidigungsministerin will die Soldaten, welche die Hilfsflüge durchführen, persönlich verabschieden – und das um 6 Uhr morgens. Bevor ich also in die Transall – das Transportflugzeug der Bundeswehr – steigen kann um mitzufliegen, warte ich mit einigen weiteren Medienvertretern an einem der Flugzeuge auf das Eintreffen der Ministerin. Ein paar Bilder der Ministerin zusammen mit den Soldaten und am Flugzeug sind wichtig, das Thema Hilfsflüge ist bundesweit in den meisten Medien Top-Thema, und es müssen natürlich Bilder her und diese so früh wie möglich schon gesendet werden. Aus dem Flugzeug heraus habe ich keine Chance, Bilder abzusetzen; frühestens beim ersten Halt des Fliegers in der Türkei könnte das möglich sein – das ist für aktuelle Nachrichtenberichterstattung zu spät. Ich muss mich hier also nach Möglichkeit beeilen.

Frau von der Leyen erscheint recht pünktlich auf dem Fliegerhorst und besichtigt die Maschinen, die immer noch beladen werden. Um sie herum schwirren die üblichen Verdächtigen bei einem solchen Termin: Kamerateams, Tontechniker, Radioredakteure, die auf einen O-Ton lauern, die Bediensteten der Bundeswehr, für die ein Besuch ihrer obersten Chefin auch nicht alltäglich ist und natürlich einige Fotografen, die, genau wie ich, auf ein repräsentatives Bild zu diesem Thema aus sind. Eine klassische alltägliche Terminhektik, der sich nach einer 1/4 Stunde die Ministerin entzieht, um sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Offizieren der Bundeswehr noch weiter zu besprechen.

Viele und vor allem aussagekräftige Bilder sind – zumindest mir – bis jetzt nicht wirklich gelungen. Okay, Frau von der Leyen ist auf den Bildern zu erkennen, auch die Situation selbst ist erkennbar, aber leider nur in Details. Sie ist viel zu nah am Flugzeug, als dass man die Gesamtsituation auf den Bildern wirklich erkennen könnte (oder aber steht mit dem Gesicht zum Flugzeug – so kann man sie nicht erkennen, oder aber ich stehe völlig verkehrt), also Business as usual.

Ein Presseoffizier erklärt, dass seine Chefin gleich noch für O-Töne zur Verfügung steht. Das heißt, dass Medienvertreter gleich noch ein paar Statements der Ministerin zur aktuellen Situation einfangen können. „Wo das denn stattfinden soll?“ ist die erste Frage – „draußen auf dem Fluggelände“ ist die Antwort, „dort könne man die Kameras ja schon mal aufbauen“. Der Kameramann vom Morgenmagazin der ARD / des ZDF stellt seine Kamera in Distanz zu den Transall-Maschinen auf das Rollfeld. Der Kollege hatte ein ähnliches Bild im Kopf. Bei einer Interviewsituation sollte zu sehen sein, wo diese stattfindet. Und in der morgendlichen Dämmerung machen sich die Flugzeuge im Hintergrund ganz gut.

Frau von der Leyen begibt sich also nach der Besprechung auf die Interviewposition – aber ein kleines Problem gibt es noch: Das Morgenmagazin plant das Interview live zu senden, das Zeitfenster dazu öffnet sich aber erst in zwei Minuten, so bleibt allen nur übrig, diese zwei Minuten abzuwarten. Der Bundesverteidigungsministerin auch, und so verschränkt sie die Arme und wartet mit ein wenig Abstand zu Kameras und Mikros auf den Beginn des Interviews.

Das ist mein Moment – sie steht perfekt für ein Bild, die Transall ist im Hintergrund zu sehen – und ich schaffe es gerade noch, einen kleinen Handblitz einzusetzen und ein wenig Licht in die noch recht dämmrige Umgebung zu bekommen. Es blitzt ein paarmal –  und das Bild, so wie es hier zu sehen ist, ist gemacht. Es passt – wie ich denke – hervorragend zum Thema. Dieser kleine Moment, wie sie dort vor dem Flieger steht und wartet, war der für mich entscheidende. Das Bild wirkt durch den Einsatz des Blitzes ein wenig dramatisch – prima. Die Transall wird zur Silhouette. Ich kann die Bilder noch schnell über Laptop und Datenverbindung absetzen, bevor ich in eine der Maschinen steige und Richtung Nordirak fliege. Was im Nachgang dann alles passiert – es ist erstaunlich.

Einige Kollegen haben das Bild schon gesehen, entweder auf dem kleinen Monitor der Kamera, oder auf dem Laptop beim Senden. Einhelliges Urteil: Ein gutes Bild. Und – Lob der Kollegen freut einen immer.

 

Unerwartete Reaktionen

Was daraus dann wird, bekomme ich erst nach dem Rückflug aus dem Nordirak auf der Incirlik Air Base in der Türkei mit, wo ich zum ersten Mal wieder eine Internetverbindung bekomme. Was schreibt die Bild-Zeitung? „Unsere Top-Gun Ministerin“, und zig andere Medien gehen auf die Wirkung des Bildes ein. Es ist auch für die Verhältnisse eines Nachrichtenagenturfotografen omnipräsent. Teils harsche Kritik an der Bildwirkung, Kommentare zum „Posing der Ministerin“, der Vorwurf, das Bild sei gestellt oder inszeniert. Es geht nicht mehr um die Hilfslieferungen – es geht nur noch um das Bild selbst und dessen Wirkung. In den Social-Media Kanälen verteilt sich das Bild rasend schnell, Spekulationen über die Entstehung machen die Runde, teils hämische Kommentare über die Wirkung, teils über die Ministerin … Es ist die Macht der Bilder, wie einige Medien titeln, die hier von Frau von der Leyen angeblich bewusst genutzt wurde und sich scheinbar als Bumerang erwiesen hat.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Bild von mir schon einmal so kontrovers, intensiv und vor allem scheinbar überall diskutiert wurde, und es ist eine Mischung aus Stolz, Unsicherheit und Ärger, die mich auch in den nächsten Tagen begleitet, denn es ist noch nicht zu Ende. Das Bild wird jetzt auch politisch benutzt. Sigmar Gabriel spöttelt über die Selbstinszenierung von der Leyens, und auch andere Koalitionspolitiker sparen nicht mit negativen Kommentaren. Es gibt aber auch einige, die genauer nachfragen. Die Süddeutsche Zeitung möchte ein Interview über die Entstehung des Bildes (das Interview findet ihr hier –>).

Das Ende der Fahnenstange ist aber noch nicht erreicht – von Seiten des Bundesverteidigungsministeriums wird lanciert, der Fotograf hätte das Bild beschnitten. Angeblich sei Frau von der Leyen auf dem Bild mit Soldaten im Gespräch, der Fotograf (also ich) hätte das Bild aber beschnitten. Der Höhepunkt ist dann die Augsburger Allgemeine, die behauptet, mit mir gesprochen zu haben und berichtet, dass ich diese Aussage sogar betätigt hätte. Das ist allerdings schon mehr als frech.

Der Spiegel schreibt in seiner Ausgabe 37/2014 dann ein umfangreiches Essay mit dem Titel „echt wahr“, das meiner Meinung nach die Problematik Bilder/Fotografen/Politiker sehr gut beleuchtet. (Das PDF mit dem Spiegel-Artikel findet ihr hier –>SPIEGEL_2014_37_129095173)

 

Mein Fazit

Es gibt einige Anmerkungen zu dem Bild und der beschriebenen Situation, die ich noch machen möchte und die vielleicht meine Sicht der Dinge noch etwas illustrieren.

  • Eine Bundesverteidigungsministerin, die mit dem auf dem Bild zu sehenden Outfit (also schwarze Jeansjacke mit Metallapplikationen, die einen Großteil der Bildwirkung ausmachen) auf einem offiziellen Pressetermin erscheint, tut das vermutlich nicht aus Versehen.
  • Der Ort für Foto- und Videoaufnahmen war bewusst gewählt – und zwar explizit von Seiten der Bundeswehr und der Ministerin.
  • Ob es eine bewusste Selbstinszenierung war, vermag ich nicht zu beurteilen. Fotos waren an diesem Morgen gewünscht, wenngleich die Wirkung vermutlich von allen Seiten unterschätzt wurde. Dass Politiker jedoch von solchen Bildern überrascht werden, glaube ich persönlich nicht, dazu sind sie – und insbesondere Frau von der Leyen – zu erfahren im Umgang mit Medien.
  • Ich würde das Bild jederzeit wieder so machen und bin nach wie vor der Meinung, es ist ein dem Thema angemessenes Bild.
  • Man kann solche Bilder nicht planen – von keiner Seite. Dazu spielen zu viele Zufälle und auch der Zeitdruck eine Rolle. Hätte z.B. der Blitz mit der falschen Einstellung gezündet, würde es dieses Bild nicht geben.

Zwei Dinge finde ich allerdings enttäuschend: 1. Dass viele Medien ein solches Bild ohne Nachfrage oder Recherche als „vermutlich gestellt“ beschreiben; 2. dass im Nachhinein behauptet wird, dass der Fotograf bildwichtige Teile einfach abgeschnitten hat. Warum wird so etwas behauptet? Ich kann nichts Verwerfliches an diesem Bild finden – auch selbst wenn es ein wenig Häme und Spott nach sich zieht. Als Politiker sollte man das aushalten können. Ich sag’s mal ganz böse: Frau von der Leyen sieht in der ganzen Geschichte noch gut aus, den Gabriel hätte ich allein aufgrund seines Körperumfangs nicht im Profil fotografiert.
Das wäre kein gutes Bild geworden … 🙂